Nach Stolberg ist vor Stolberg – Den Märtyrerkult stoppen!


Auch 2 Jahre nach dem Tod eines Jugendlichen zogen Nazis an zwei Tagen durch die Straßen von Stolberg um den tragischen Vorfall zu instrumentalisieren. Die Lüge, dass das Opfer ein Kamerad gewesen sein sollte, können die Nazis schon lange nicht mehr aufrechterhalten. Aus diesem Grund wird jetzt nur noch von einem Deutschen geredet der in Begleitung von Nationalisten war. Keine Konstruktion ist den Nazis zu billig, um ihre Ausländerhetze zu rechtfertigen.
Leider entwickelt sich Stolberg zu einem zentralen Ereignis der faschistischen Bewegung in Deutschland und darüber hinaus.

Der Freitag – Fackelmarsch

Am Freitagabend startete das zweitägige Ereignis. Rund 230 Nazis versammelten sich am Bahnhof Mühle, um durch die Stadt zum Tatort zu ziehen. Das erschreckende daran ist, dass die Nazis die TeilnehmerInnenzahl mehr als verdoppeln konnten gegenüber dem Vorjahr, wo lediglich 80 regionale Nazis aufmarschiert waren. Das Moment eines Fackelmarschs in guter NS-Manier hatte also Früchte getragen. Konnte man vor einem Jahr noch eine Pogrom ähnliche Stimmung am Freitagabend erzeugen, so scheiterte dieser Versuch dieses Jahr an den Auflagen der Polizei. So wurde den Nazis untersagt jegliche Technik zu benutzen, laut zu skandieren und auch die Fackeln waren auf maximal 10 Stück beschränkt, weshalb diese bei 230 Nazis überhaupt nicht auffielen.
Und so mussten die Nazis schweigend immer wieder an lautstark rufenden AntifaschistInnen vorbeiziehen. BeobachterInnen des Naziaufmarsches berichteten später wie erzürnt die Nazis von diesem Zustand waren. Der Fackelmarsch wurde also zum Reinfall.
Diesen Zorn ließen die FaschistInnen dann in der Nacht am Autonomen Zentrum Aachen ab. So sprühten sie „Hitler“, „NS-Jetzt“ und „KAL“ an die Wände. Jedoch würden wir den Nazis einen Kursus im ordentlichen Sprühen anraten, da es teilweise sehr schwer war etwas aus dem Geschmier zu erkennen.

Der Samstag – „Trauer“marsch

Nach den erschreckenden Teilnehmerzahlen vom Freitag musste man am Samstag mit einer verstärkten Nazianzahl rechnen, doch es erschienen lediglich knapp 500 Verirrte. Aufgrund der internen Auflagen der Nazis mussten die KameradInnen auf dem Hinweg zum Tatort den Mund halten. Ein Zustand den wir gerne häufiger sehen würden. Am Tatort selbst ließen die RednerInnen der Nazis keinen Zweifel mehr offen was passieren würde, wenn sie wieder an die Macht kämen. Doch obwohl die Nazis offen propagieren, dass sie die Demokratie abschaffen wollen, schützt sie dieser Staat!
Auf dem Rückweg vom Tatort konnten die Nazis dann endlich wieder rumbrüllen und ihrem Hass freien Lauf lassen. Doch nur der erste Block konnte etwas lauter werden und dies auch nur für kurze Zeit, anscheinend war den Nazis die Laune etwas vergangen.
AntifaschistInnen hatten es nämlich geschafft zweimal mit kurzen Blockaden den Trauermarsch zu stören.
Die erste Blockade fand in der Eschweiler Straße statt, wo AntifaschistInnen plötzlich vor den Nazis auftauchten. Die Polizei konnte die Gruppe zwar in eine Straße abdrängen, aber 5 Meter entfernt von den Nazis riefen die AntifaschistInnen den Nazis entgegen was sie von ihnen hielten. Diese mussten schweigend vorüberziehen, was ihnen sichtlich schwer fiel.
Ein anderes Phänomen war sicherlich das Verhalten der Polizei. Denn schon nach kurzer Zeit drehten sich einige Polizisten so um, dass deutlich wurde, dass sie nicht den Naziaufmarsch schützen, sondern die AntifaschistInnen. So entstand das bizarre Bild, dass einige Cops traditionell die Gefahr von Links sehen, andere Polizisten aber verstanden haben, dass die wahre Gefahr von Rechts droht. So zeigt sich, dass die Polizei auch gestandene AntifaschistInnen noch zum Staunen bringen kann.
Die zweite Blockade fand dann an der Ecke Eschweiler Straße/Nikolausstraße statt. Auch diese Blockade wurde schnell von der Polizei abgedrängt. Dennoch haben AntifaschistInnen bewiesen, dass ein effektiver Widerstand möglich ist.
Natürlich kann man nicht davon reden, dass dieser Tag für die Nazis eine Niederlage war, da sie dennoch gelaufen sind und ihren Hass verbreiten konnten. Aber sie konnten diesmal nicht ungestört laufen und sie haben dem Widerstand gegenübergestanden.

BgR Stolberg – Weiterentwicklung notwendig

Das Nachsehen am Wochenende hatte das Bündnis gegen Radikalismus Stolberg. Alleine die Teilnehmerzahlen zeigen schon die Auswirkungen einer falschen Politik seitens des Bündnisses. Konnte das Bündnis 2009 noch 2500 Menschen auf die Straße bringen waren es jetzt noch knapp 500. Doch dies ist nicht verwunderlich. Schon lange versuchte das Bündnis den „Abwehrkampf“ auf lokale Ebene zu beschränken. Durch zu kurzfristige Bekanntmachung von Terminen und ähnlichen Methoden schließt man andere Gruppen aus der Planung aus. Aber durch Lokalpatriotismus lassen sich Nazis nicht bekämpfen! Denn Antifaschismus ist ein gemeinsamer Kampf aller demokratischen Kräfte. Auch Links und Rechts gleichzusetzen, sprich Opfer und Täter, hilft nur einem und zwar den Nazis!
Für 2011 muss sich das Bündnis genau überlegen, ob sie ihren Kurs der lokalen Beschränkung weiterführen wollen oder ob sie erkennen, dass nur eine gemeinsame Arbeit den Erfolg bringt. Ein positives Zeichen war mit Sicherheit, dass sich an jenem Samstag einige Mitglieder des BgR entschieden haben gemeinsam mit anderen AntifaschistInnen an der Absperrung Mühlener Markt laut und in Sichtweite der Nazis zu agieren.
Eines ist jedoch klar: Antifaschistinnen und Antifaschisten werden immer und überall vor Ort sein, wenn Nazis gegen Minderheiten hetzen! Denn wir schauen nicht weg und wir brauchen auch kein Volksfest!

Event? – Was soll das?

In letzter Zeit ist häufig das Gerede groß von Nazievents und das Stolberg leider noch kein Event für die antifaschistische Bewegung ist. Als erstes, wie pervers ist es, wenn man bei Nazis von Event redet! Zweitens, wir AntifaschistInnen sind keine Eventmanager!!!
Wer nicht begreift warum man Nazis einen solchen Märtyrerkult nehmen muss, der sollte noch einmal selbstkritisch in sich gehen!
Natürlich haben wir uns aus der Aachener Region vorzuwerfen, dass wir selber zu spät agiert haben, aber wir lernen aus Fehlern!
Doch trotz allem bleibt festzuhalten, dass die Zusammenarbeit von Aachener Gruppen noch nie so gut war! Die ideologischen Schranken haben wir hinter uns gelassen, jetzt geht es darum die Koordination zu stärken!

2011 – Der Widerstand wird wachsen!

Jetzt geht es darum 2011 den Nazis noch mehr entgegenzubringen!

Auch für Stolberg brauchen wir den Dresdener Aktionskonsens!

Trauermarsch 2011: Unser Motto muss heißen „Nazis blockieren – den Märtyrerkult stoppen!“!

Nach Stolberg ist vor Stolberg!

Nur gemeinsam sind wir stark!

(Bild: Klarmanns Welt)

Nachfolgend dokumentieren wir die 7 Thesen des Dresdener Aktionskonsens:

Ziel der folgenden Thesen ist es, die Ursachen dieses Erfolges herauszuarbeiten und einige Erfahrungen aus der Kampagne für zukünftige antifaschistische Mobilisierungen nutzbar zu machen.

1. Grundlage des Erfolges war eine spektrenübergreifende Zusammenarbeit zwischen Antifagruppen, lokalen Initiativen, Gewerkschaftsjugenden, Parteien und Jugendverbänden und zahlreichen weiteren Organisationen in dem Bündnis „Nazifrei – Dresden stellt sich quer!“ Im vorangegangenen Jahr konnten die getrennten Aktionen von „Geh Denken“ und „No Pasarán“ zwar einen Mobilisierungserfolg verzeichnen, scheiterten aber an dem Ziel, dem Naziaufmarsch effektiv etwas entgegenzusetzen. Für erfolgreiche Gegenaktivitäten am 13. Februar 2010 wurde die Notwendigkeit einer Annäherung der Spektren und Aktionsformen deutlich. Einen Anfang stellte die Aktionskonferenz von „No Pasará́n“ im November als Ort des Austausches und des Kennenlernens dar. Dies bedeutete konkret, sich für die Planungen der Proteste 2010 einige Schritte aufeinander zuzubewegen. Teile des zivilgesellschaftlich-bürgerlichen Spektrums brachten den Mut auf, aus dem Raum des Symbolischen herauszutreten und die Bereitschaft einen kollektiven Regelübertritt zu begehen. Das Antifa-Spektrum ließ sich auf eine gemeinsame Aktion ein, deren Charakter transparent gemacht wurde.

2. Wichtig war die klare Ankündigung blockieren zu wollen – und dieses auch ernsthaft, entschlossen und in aller Konsequenz vorzubereiten. Eine flexible Aktionsplanung mit einem mobilen Konzept hat uns in die Lage versetzt, auch bis zur letzten Minute zwischen verschiedenen räumlichen Szenarien handlungsfähig zu bleiben und damit für die Polizei nicht kontrollierbar zu sein. Die Festlegung auf einen sog. +1 Punkt am Albertplatz ermöglichte für unorganisierte und blockadeunerfahrene Menschen eine gute Einbeziehung in das Blockadekonzept. Durch das kulturell-politische Programm war dieser Platz auch ein guter Ort zur Erholung und zum Rückzug. Diese Flexibilität war nur möglich, weil das Aktionskonzept politisch breit getragen wurde. Wichtig war zudem die Einbindung vieler Busse in das Konzept.

3. Das Aktionsniveau der Blockaden wurde durch einen gemeinsam ausgehandelten Aktionskonsens bestimmt. Dieser lautete: „Von uns wird keine Eskalation ausgehen. Unsere Blockaden sind Menschenblockaden. Wir sind solidarisch mit allen, die mit uns das Ziel teilen, den Naziaufmarsch zu verhindern.“ Damit haben wir einen kalkulierbaren, kollektiven Regelverstoß für viele Menschen ermöglicht und uns zugleich bewusst einer Spaltung in „gute“ und „böse“ AntifaschistInnen verweigert.

4. Eine politische Auseinandersetzung über die Legitimität, Naziaufmärsche zu blockieren, trug zum Erfolg des Konzepts bei. Dies wurde von einer eigenen intensiven Presse- und Öffentlichkeitsarbeit begleitet. Die Staatsanwaltschaft Dresden versuchte, mit Durchsuchungen und Beschlagnahmung von Plakate den Protest zu kriminalisieren und TeilnehmerInnen einzuschüchtern. Doch diese Anstrengung scheiterte fulminant. Über 800 Organisationen und 2.000 Einzelpersonen, darunter unter anderem bekannte MusikerInnen, PolitikerInnen und Pfarrer, machten die Blockaden von Dresden zu ihrer eigenen Auseinandersetzung um die Legitimität von zivilem Ungehorsam gegen Naziaktivitäten. Dies übte einen starken Druck auf die politischen und polizeilichen Verantwortlichen aus. Der politische Preis einer gewaltsamen Räumung der Blockaden durch die Polizei wäre zu hoch gewesen. Die Verbote von antifaschistischen Kundgebungen auf der Neustädter Seite konnten ebenfalls nicht durchgesetzt werden.

5. Ein erhebliches Gefahrenpotential entstand durch die tausenden von der Polizei unbegleiteten Nazis. Dass es nicht zu mehr Überfällen auf Linke, MigrantInnen, Blockierende und AnwohnerInnen in der Neustadt und dem Hechtviertels kam, war dem Schutz der Blockaden durch zahlreiche Antifagruppen im Umfeld zu verdanken. Ohne diese Unterstützung wären die Blockaden einer Gefahr durch Naziangriffe ausgesetzt gewesen.

6. Wir haben es geschafft, den vorherrschenden Diskurs in Dresden zu beeinflussen. Der Tag wurde nicht durch geschichtsrevisionistische Parolen und die Verharmlosung des durch Nazi-Deutschland begangenen Vernichtungskrieges bestimmt, sondern von dem Erfolg einer entschlossenen Massenaktion gegen Nazis. Der in der Extremismustheorie angelegten Gleichsetzung von Linken und Nazis konnte eine Abfuhr erteilt werden. Nicht eine vermeintliche „Invasion der Extremisten“ bestimmte das Bild, sondern eine solidarische und spektrenübergreifende antifaschistische Manifestation. Dieser Tag wurde zu einem Fiasko für die Nazis. Die Demonstration in Dresden hat einen zentralen Stellenwert im Demonstrationskalender. Am 13. Februar kamen die sonst zerstrittenen Spektren der extremen Rechten zusammen. Dieser Aufmarsch diente zur Ausbildung einer kollektiven Identität und zur Einbindung von neuen Personen in die Szene. Dieses „Event“ haben wir ihnen genommen und ihnen damit eine empfindliche Niederlage zugefügt.

7. Dresden hat erneut gezeigt, dass Verlauf, Ausgang und Erfolg von antifaschistischen Interventionen in hohem Maße von den politischen Bedingungen abhängig sind, die im Vorfeld von uns geschaffen werden. Ohne die Bereitschaft vieler, mitzumachen, sich zu engagieren, ihr alltägliches Leben zurückzustellen, wäre dieser Kraftakt nicht möglich gewesen. Die Entschlossenheit und Kreativität im Vorfeld und bei den Blockaden am 13. Februar zeigen uns, dass kollektive Anstrengungen es möglich machen, wirksam politisch zu intervenieren und Erfolge zu erringen. Dies hat weit über den 13. Februar hinaus Bedeutung für alltägliche Auseinandersetzungen und weitere politische Konflikte. Die Nazis werden versuchen ihre Niederlage wettzumachen. Wir werden an der solidarischen, spektrenübergreifenden Zusammenarbeit und dem erfolgreichen Konzept der Massenblockaden festhalten und auch im kommenden Jahr den Naziaufmarsch in Dresden verhindern. Wir laden alle Menschen ein, mit uns diesen Weg zu gehen und sich mit den Massenblockaden den Nazis effektiv in den Weg zu stellen.


1 Antwort auf “Nach Stolberg ist vor Stolberg – Den Märtyrerkult stoppen!”


  1. 1 hinterhof.action.crew 05. April 2010 um 20:39 Uhr

    Für mehr subversive Hinterhof-Aktionen!

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